Silbenmethode

LRS muss nicht sein

Im Vorschulalter werden die sogenannten schriftsprachunabhängigen Vorläuferfertigkeiten geübt (siehe auch Kapitel 2: Vorläuferleistungen: Motorik, Koordination, Seitigkeit von Hand und Auge) Kinder, die diese beherrschen, haben erfahrungsgemäß keine Probleme mit dem Lesen und Schreiben.

Defizite bei den Vorläuferleistungen manifestieren sich als Schreib- und Leseunsicherheiten. Schnell wird da die Diagnose Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS) gestellt.

LRS ist aber kein unvermeidliches Schicksal. Alles eine Frage der Methode!

Was sind die Ursachen für „LRS“?

Für ein LRS-Risiko sind besonders zwei Gesichtspunkte von Bedeutung: uneindeutige Seitigkeit von Hand und Auge und mangelnde Koordination von Sprache und Bewegung.

Uneindeutige Seitigkeit von Hand und Auge

Rechtshänder hören vorzugsweise mit ihrem rechten Ohr und schauen mit ihrem rechten Auge durch ein Okular. Sie weisen eine eindeutige Seitigkeit auf. Bei LRS-Risikokindern kann sehr häufig keine eindeutige Seitigkeit festgestellt werden. Oft ist eine linkswendige Orientierung von Auge und Hand zu beobachten. Diese Kinder zeigen Schwierigkeiten bei der Reihung der Buchstaben von links nach rechts. Im Unterricht zeigt sich dies beim länger andauernden Verwechseln von Buchstaben wie „d/b“ oder „ie“ mit „ei“.

Mangelnde Koordination

Kinder, die im Musikunterricht keinen Takt halten oder einen Rhythmus nicht klatschen können, haben beim Schreiben häufig vermehrte Schwierigkeiten.
Eine schwache Rhythmusdifferenzierung geht mit einer schwachen Speicherfähigkeit einher. Dieser Zusammenhang kann beim Silbenklatschen, bei Abzählversen, beim Gehen im Silbentakt und beim Lesen von Versen mit Akzentbetonung festgestellt werden.

Deshalb werden alle LRS-Fördermaßnahmen mit umfangreichen Bewegungsspielen begleitet. Das fördert nicht nur die Motivation der Kinder, es greift die bestehende Schwierigkeit an der Wurzel.

Übungen zur Koordination von Sprache und Bewegung

  • Silbenklatschen – Pilotsprache
  • Abzählverse mit synchronem Deuten
  • Synchrones Silbieren und Gehen
  • Verse mit Akzentbetonung lesen

Viel Wert muss auf die Qualität der Bewegung gelegt werden – alles soll kontrolliert und bewusst durchgeführt werden. Die Körperwahrnehmung der Kinder wird dadurch enorm gesteigert.

Wie sieht eine Förderung von LRS-Kindern aus?

Die deutliche Mehrheit der Kinder, die im Rahmen der Förderung betreut werden, weisen keine eindeutige Seitigkeit auf: Bei eindeutiger Rechtshändigkeit ist das linke Auge führend.

Die innere Vorstellung von Schrift und Zahlenstrahl zeigt keine klare Seitigkeitsorientierung. Ihre Motorik ist nicht altersgemäß entwickelt. In der Koordination zeigen sie deutliche Schwächen. Im Unterricht verwechseln sie „d/b“, „ie/ei“, „E/3“, „S/?“. Kleine Wörter lesen sie häufig von rechts nach links. Ziffern schreiben sie spiegelverkehrt.

Um sich ein besseres Bild von betroffenen LRS-Kindern zu machen, stellen wir hier drei Fallbeispiele vor.

Die Beispiele sollen das Ausmaß der Schreibstörungen und die Möglichkeiten der Förderung aufzeigen. Die Veröffentlichung erfolgt mit Genehmigung der Eltern. Wir sind allerdings der Meinung, dass durch geeignete Prävention der hohe Aufwand bei der Kompensation von LRS vermieden werden kann.

Quergelesen

LRS ist kein unvermeidliches Schicksal. Schriftsprachunabhängige Vorläuferleistungen nehmen eine Schlüsselstellung beim Schriftspracherwerb und folglich auch bei der Förderung von Kindern mit LRS ein.

Die Ausmaße der Schreibstörungen und die Möglichkeiten der Förderungen werden anhand von drei Fallbeispielen aufgezeigt.

Die vierteilige Videoreihe „Gib LRS keine Chance“ beschäftigt sich auch noch einmal ausführlich mit den Ursachen der Lernschwierigkeiten, Fallbeispielen und den Möglichkeiten der Förderung mithilfe der Silbenmethode.

Fallbeispiele

Fallbeispiel Markus

Nach dem 1. Halbjahr in Klasse 2 suchte die Mutter Hilfe für ihren Sohn. Er konnte nicht lesen. Das Schreiben gelang nur bei wenigen auswendig gelernten Wörtern.

Markus sollte auf Förderschultauglichkeit überprüft werden. Er zeigte zu diesem Zeitpunkt eine stark ausgeprägte Schulangst und hatte beim Lesen- und Schreibenlernen resigniert. Er galt als typischer „Legastheniker”.

Die Diktate wurden unabhängig von der Förderung im Klassenrahmen geschrieben. In ca. 35 Einzelsitzungen wurde wöchentlich mit Markus gearbeitet. Die Mutter war anwesend und lernte das Prinzip der Methode kennen. Sie übte mit Markus vereinbarungsgemäß 3- bis 4-mal wöchentlich 15 bis 20 Minuten. Der zeitliche Aufwand pro Woche betrug insgesamt 2 Stunden.

Hier der Text des Diktats (ca. 2 Monate nach Schulbeginn in Klasse 2):

Zwei Freunde
Mario und Petra haben zusammen Hausaufgaben gemacht. Nun wollen sie mit Petras Pudel spielen. Doch der will keine Puppe sein und rennt weg. Da holt Petra Papier. Jeder malt einen großen Papagei.

Analyse der Schreibversuche: Mangel an Seitigkeit

Die Schreibversuche zeigen, dass bei Markus ein deutlicher Mangel in der Beurteilung der Seitigkeit vorlag. Er verwechselte d mit b, g mit p, ie mit ei, das große E mit der Zahl 3 usw.

Er kannte einige Buchstaben, konnte diese aber nicht zusammen in Silben verarbeiten. Das silbenweise Sprechen und Klatschen von Wörtern gelang ihm nicht.

Die Förderung

Aus diesen Beobachtungen ergab sich die Arbeit in der Anfangsförderung mit:

Nachdem Markus einzelne Wörter sicher silbieren und synchron dazu klatschen konnte, sollte er diese silbenweise mit zwei Farben aufschreiben und später lesen.

Erste Erfolge nach 3 Monaten

Hier der Text des Diktats:

Das Fest der Tiere
Um neun Uhr geht das Fest los.
Der Hund kommt als Katze. Das Pferd zieht sich eine Hose und einen Mantel an. Zehn Flöhe spielen Fußball auf dem Tisch. Um zwölf Uhr ist das Fest leider aus.

Nach 4 weiteren Wochen gelangen schon orthografische Markierungen (Frühling, wieder, spielen usw.).

Markus erhielt bis zum Ende der 2. Klasse eine wöchentliche Übungsstunde.

Seine Mutter hat weiterhin die häuslichen Übungen unterstützt.

Hier der Text des Diktats:

Der Frühling ist da
Warm scheint die Sonne. Die Kinder können nun wieder auf der Wiese und im Park spielen. Wir hören die Vögel auf den Bäumen ihre Lieder singen. Die Leute pflanzen jetzt im Garten Gemüse und Blumen. Tulpen und Osterglocken blühen schon.

Markus hat sich in den weiteren Schuljahren ohne zusätzlichen Unterricht weiterentwickelt.

In der 6. Klasse zeigte seine Deutschlehrerin Klaus Kuhn ein aktuelles Diktat.

Markus hatte 0 Fehler und war nach Aussage seiner Lehrerin der beste Leser in der Klasse.

Hier der Text des Diktats:

Diktat Nr. 2

Der Wald
Vom Wald geht zu jeder Jahreszeit ein Zauber aus. Im Frühjahr erfreuen wir uns im Laubwald am Spiel von Licht und Schatten. Im Sommer suchen wir Kühlung unter dem lichten Blätterdach. Die Laubfärbung begeistert uns im Herbst. Auch der Nadelwald und der Mischwald haben ihre Eigenart und Schönheit. Der Wald ist Lebensraum für Tiere und Pflanzen. Kräuter, Sträucher und Bäume nutzen Luft und Licht und nehmen Nährstoffe aus dem Boden auf. Zahlreichen Tieren bietet der Wald Unterschlupf und Nahrung. Sie fressen Früchte, Samen und Gräser.

Unzählige Insekten gibt es im Gras, in den Büschen und auf den Bäumen. Sie bestäuben Blüten, verbreiten Samen und tragen dadurch zur Erhaltung des Waldes bei. Der Wald ist für den Menschen in vielfältiger Weise lebensnotwendig. Er verbessert die Luft und speichert Wasser. Er verhindert Lawinen und Bodenzerstörungen. Der Wald bedeutet Erholung für uns Menschen.

Annegret ist die Tochter eines Kollegen von Klaus Kuhn. Im zweiten Halbjahr von Klasse 2 suchte er bei ihm Hilfe und zeigte ihm „Loni, die kleine weiße Ente”.

Die Arbeit war im freien Schreiben entstanden. Annegret kannte zu diesem Zeitpunkt nur einige Buchstaben. Sie war nicht in der Lage, ma oder mu zu lesen oder nach Diktat zu schreiben. Annegret hatte eine massive Schreibunlust und war nur durch Ballspielen vor jeder Übungseinheit zur Mitarbeit zu bewegen.

Zuerst wurden Silbenkärtchen (ma, me …) erlesen, danach verdeckt und geschrieben. In kleinsten Lernschritten, um wieder eine Motivation aufzubauen, hat Annegret die Graphem-Phonem-Relationen erlernt.

Das Prinzip der Silbenmethode besteht darin, die Namen der Konsonanten anfangs zu übergehen. Konsonanten werden zusammen mit Vokalen gelesen (Starter-Klinger-Kombinationen). Als Hilfe stehen die Gebärden zur Verfügung. Jeder Konsonant kann so bezeichnet werden, ohne ihn isoliert zu lautieren. Zusätzlich wird der Hinweis gegeben: „Lass beide zusammen heraus – ohne Luft dazwischen.“ In der Unterscheidung von ma und la oder von la und ta wird der Lautwert der Starter deutlich. Werden nach etwa 8 – 10 Unterrichtswochen diese Starter-Klinger-Kombinationen flüssig gelesen und geschrieben, folgt die nächste Stufe: Starter-Klinger-Stopper-Kombinationen.

Das Diktat aus der 3. Klasse zeigt Annegrets Entwicklung.

Ihre Schreibunlust war überwunden. Sie konnte silbieren und das Schreiben so regulieren.

Hier der Text des Diktats:

1. Diktat

Herbst
Der Herbst ist da. Die Blätter fallen von den Bäumen. Am Sonntag war das Erntedankfest. In der Obstschüssel liegen Äpfel, Birnen und Trauben und im Keller sind unsere Kartoffeln. Morgens sieht man oft Nebel über dem Stoppelfeld.

Hier der Text des Diktats:

Übungsdiktat

Wasser ist wichtig
Bei uns gibt es sehr viel Wasser. Wir bekommen es aus Flüssen, Seen, Quellen und aus der Erde. Wir verbrauchen aber auch sehr viel Wasser. Wir trinken Wasser, wir kochen, putzen und gießen mit Wasser. Unsere Fabriken brauchen immer mehr Wasser. Kein Mensch, kein Tier und keine Pflanze kann ohne Wasser leben. Weil Wasser für uns alle so wichtig ist, müssen wir sehr sorgfältig damit umgehen.

Nach dem Wechsel auf das Gymnasium erhielt sie mehrere Klassenpreise und legte das Abitur mit guter Gesamtnote ab.

Hier der Text des Diktats:

Klassenarbeit Nr. 6

Diktat

Nichts gegen die Schule
Kaum einer, der heute zur Schule gehen muss, weiß, was für eine große Errungenschaft die allgemeine Schulpflicht ist. Noch vor dreihundert Jahren war der größte Teil des Volkes von den Erkenntnissen der Wissenschaft ausgeschlossen.

Denn das Wissen blieb vor allem denen vorbehalten, die reicher waren und einen gewissen Wohlstand besaßen. Nur sie konnten sich im Lesen und Schreiben unterweisen lassen. Außerhalb der Kirchen und ihrer Schulen besaß kaum jemand gedruckte Texte. Wissen bedeutete in dieser Zeit auch Macht. Wer lesen konnte, war den anderen überlegen. Heute ließe sich keine Schülerin und kein Schüler mehr so bevormunden wie die Bauern und Handwerker in jener Zeit. Schließlich können sie nachlesen, was ihre Rechte sind. Es soll jedoch auch heute noch einige geben, welche die Schule nicht gerade genießen und für überflüssig halten.

Hier sehen wir zwei Texte, die im freien Schreiben am Ende der 1. und anfangs der 2. Klasse entstanden sind. Lisa wurde von ihrer Lehrerin Frau Studer, Mitglied im Seelbacher Kontaktkreis, als LRS-Risikokind eingestuft und entsprechend unterstützt.

Lisa erkundigt sich in einem Briefchen, wie es Frau Studer in Paris gefallen hat. Aufschlussreich für uns sind Fehlschreibungen wie „Sirap”. Sie weisen auf eine nicht eindeutige Seitigkeit hin, welche bei LRS-Risikokindern häufig zu beobachten ist.

Lisa hat anfängliche Schwierigkeiten ohne Ausbildung einer LRS-Symptomatik überwunden. Nur selten verwechselte sie noch d – b (wie der – wi ber). Die weitere Lese- und Schreibentwicklung verlief ohne Störungen.

Die Video-Reihe „Gib LRS keine Chance“

In der vierteiligen Video-Reihe „Gib LRS keine Chance“ widmet sich Klaus Kuhn, Herausgeber und Autor von ABC der Tiere, dem Thema. Wer sich eine ausführliche Kommentierung mit Förderhinweisen und Begleittexten wünscht, klickt bitte auf “weitere Informationen” beim jeweiligen Teil.

Folge 1: Übungsformen im Vorschulalter

In dem Video referiert Klaus Kuhn noch einmal über die Bedeutung der schriftsprachunabhängigen Vorläuferleistungen und stellt diese mit Janis, einem Kind im entsprechenden Alter, vor.

Folge 2: Markus – ein Legastheniker lernt lesen und schreiben

Klaus Kuhn beschäftigt sich noch einmal eingehend mit dem extremen, aber exemplarischen Fall. Ein scheinbar hoffnungsloser Fall wird mithilfe der Silbenmethode und Einzelförderung zum besten Leser in seiner Klasse.

Folge 3: Fragwürdige Therapieformen und ihre Präsentation im Internet

Hinter schlechten Rechtschreibleistungen verbirgt sich nur selten eine schwere Störung. Die Fördermaßnahme muss auf die Art der Fehler eingehen, damit dem Kind schnell und nachhaltig geholfen werden kann. Doch genau an diesen Punkten hapert es oft bei den Hilfsangeboten im Internet. Klaus Kuhn analysiert ein Diktat, benennt die Fehlerkategorien und zeigt konkret, wie geholfen werden kann.

Folge 4: Mythos Legasthenie

In der vierten und letzten Folge der kleinen Videoreihe geht es um die Verwendung des Begriffs „Legasthenie“ in einer wissenschaftlichen Arbeit. Dort werden vier Schüler als Fallbeispiele dargestellt. Klaus Kuhn analysiert die Fehlerkategorien und zeigt auf, wie geholfen werden kann.

nach oben